Angelika Glodde ist eine lebende Galopprennsport-Legende. Die Liste ihrer Erfolge ist lang und beinhaltet sogar einen ganz besonderen Sieg.
Nachdem die Mühlheimerin Nina Baltromei beim 156. Deutschen Galopp-Derby am 6. Juli in Hamburg mit ihrem Hengst Hochkönig als Erste durchs Ziel ging. wurde sie zu Recht gefeiert. Immerhin triumphierte mit der 27-jährigen Jockette erstmals in der Geschichte des wichtigsten deutschen Galopprennens eine Reiterin. Doch während das für das Rennen in Hamburg-Horn mit Sicherheit stimmt, wurden Galoppsportfreunde aus dem Osten der Republik schon etwas hellhörig. Denn sie können sich noch gut an den großen Coup von Angelika Glodde erinnern, die 1988 ebenfalls als erste Reiterin ein Derby gewinnen konnte – das der DDR in Berlin-Hoppegarten.
Andreas Neugeboren hat mit der Jockey-Legende aus Halle (Saale) unter anderem darüber gesprochen.
Frau Glodde, der Derbysieg von Nina Baltromei mit Hochkönig wurde allseits als erster Sieg einer Frau im Derby gefeiert. Sie haben mit Sonnenblick im Jahre 1988 das Derby der DDR in Hoppegarten gewonnen. Fühlen sie sich eigentlich benachteiligt , weil sie nicht erwähnt wurden?
Angelika Glodde: Ich habe mich darüber gefreut, dass eine Frau das Derby gewonnen hat, sie hat das gesamte Rennen sehr überlegt agiert. Es war ein sehr professioneller Ritt . Das mein Derbysieg mit Sonnenblick keine Erwähnung fand, ist nicht verwunderlich. Der DDR- Rennsport spielte mit der Wende keine Rolle mehr.
Welche Erinnerungen haben sie an ihren Derby Sieg? War Sonnenblick Favorit oder Außenseiter. Das Pferd stand im Stall in Halle. Die Spitzenpferde dieser Zeit wurden in Hoppegarten trainiert. Wie hat das Publikum ihren Erfolg aufgenommen?
Der Derbysieg war natürlich ein Höhepunkt in meiner Karriere. Zumal der Sieg unerwartet kam, ich wusste das Sonnenblick ein gutes Pferd war, dass er aber so überlegen gewinnen konnte , war eine Überraschung. Zu dieser Zeit standen in Halle jedes Jahr einige gute Pferde. Der Trainer Jochen Müller und ich als Jockey, wurden mehrfach Champions in der DDR. Wir bekamen dann auch fast jedes Jahr hoffnungsvolle Pferde aus dem Gestüt Görlsdorf. Das Publikum hat mich auch in Hoppegarten mit den Geli-Geli-Rufen bis ins Ziel begleitet.
Was ist aus Sonnenblick nach dem Derby Sieg geworden?
Sonnenblick gewann mit mir nach dem Derby noch den Großen Preis der DDR in Hoppegarten und 1989 und 1990 den Preis der Vollblutzucht in Leipzig.
Leider wurde er dann wie viele DDR Pferde schnell verkauft , seine Rennkarriere war vorbei und ich hatte ihn noch einmal im Gestüt Radegast besucht, von dort war er plötzlich verschwunden.
Sie sind in Halle geboren, haben dort auch 1967 ihre Jockey-Lehre bei Erich Zausch begonnen. Gab es die Möglichkeit nach Hoppegarten zu wechseln oder war das nie eine Alternative?
Halle war meine Heimat, dort hatte ich auch ein kleines Häuschen, es gab keinen Grund meine Heimat zu verlassen. Zumal ritt ich ja auch in den Rennen Pferde der Trainer aus Hoppegarten, Leipzig, Dresden und Magdeburg. Nach der Wende hatte ich das Angebot von Herrn von Schubert bekommen, seine Pferde in Hoppegarten zu trainieren, wollte aber auch da meinen Trainingsstall in Halle nicht verlassen.
In ihrem ersten Rennen in Leipzig wurden sie zweite hinter Lutz Mäder. Können sie sich daran noch erinnern?
Ganz genau, das Pferd hieß Harpunier. Und: ich war nicht weit hinter Lutz im Ziel, ich glaube sogar, es war ganz knapp.
Welchen Stellenwert hatte das Derby in der DDR?
Einen großen Stellenwert, es gab ja einige Rennställe mit ehrgeizigen Trainern. Jeder sogenannte volkseigene Rennstall bekam im Herbst seine Jährlinge eingestellt und hoffte , dass etwas Hoffnungsvolles dabei war. Der Derbysieger durfte gemeinsam mit anderen besseren Pferden ( auch älteren) dann bei den Meetings der sozialistischen Ländern starten. Dadurch lernte ich die Rennbahnen in Moskau, Warschau , Prag und Budapest kennen. Das Derby wurde im DDR Fernsehen übertragen. Ich wurde danach für die Wahl zur Sportlerin des Jahres 1988 in der DDR nominiert und belegte bei den unzähligen Spitzensportlern in der DDR, einen beachtlichen 8. Platz
Sie haben als Trainerin in Halle von 1995 bis 2023 immerhin 416 Rennen gewonnen. Wie sehen sie diese Zeit im Nachhinein?
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. 1994 / 95 besuchte ich die Meisterschule in Nordrhein Westfalen , zeitgleich mit Peter Schiergen. Sein Sohn Vinzenz gewann Jahre später, viele Rennen für unseren Stall. Schon 2000 trainierte ich etwa 40 Pferde, es ging ganz gut los, nur machte uns das Hochwasser immer wieder das Leben schwer. Gemeinsam mit meinem Geschäftspartner Andreas Neugeboren überstanden wir viele Höhen und Tiefen. In Erinnerung bleiben einige treue Besitzer und schöne Erfolge.
Wie bewerten sie die Wende und die Folgen davon für sie persönlich?
Ich wurde nachdem ein paar Glücksritter aus München und dem Saarland nach Halle kamen und die volkseigenen Pferde verscherbelten schnell arbeitslos , wie viele Aktive im Rennsport. Registano zum Beispiel, hatte ich täglich geritten und drei Zweijährigen- Rennen gewonnen. Plötzlich war er weg. Von den Pferden konnte ich trotz großer Enttäuschungen nicht lassen.
Wenn man sich heute die Rennsport Berichterstattung anschaut, fallen einem merkwürdige Begriffe auf. Was bedeutete zum Beispiel „ Stucken“ ?
Stucken bedeutet: das Pferd kräftig mit den Händen vorwärts zu reiten.
Für ihre Fans waren sie immer die „Geli“ ist dieser Begriff bis heute geblieben?
Ich denke schon. Diese Kurzform von Angelika war sehr populär , ich werde bis heute so angesprochen. Geli wurde auf allen Rennbahnen im Osten gerufen , in Sachsen klang es besonders gut.
Wie groß ist noch ihr Interesse am Rennsport, wie verfolgen sie Rennen und haben sie den Derbysieg von Nina Baltromei live verfolgt?
Ich schaue mir häufig die Rennen im Livestream an , die besseren natürlich ganz besonders. Dort habe ich auch den Sieg von Nina Baltromei verfolgt.
Wie sieht denn heute ihr Tagesablauf ohne Rennpferde aus?
Ich kümmere mich um mein kleines Haus und Garten und meine zwei Hauskatzen.
Es gibt spektakuläre Fotos mit ihnen in einem Taucheranzug bei der Rettung von Rennpferden während der nicht seltenen Hochwasser- Katastrophen auf den Passendorfer Wiesen. Wie haben sie das in Erinnerung?
Als Trainerin bin ich in Halle insgesamt sieben Mal wegen Hochwasser mit samt den Pferden ausgezogen, evakuiert worden. Das war nicht ungefährlich. Das Bild im Taucheranzug, stammt aus dem Jahr 1993, wo ich arbeitslos war und trotzdem Pferde mit von der Bahn holte. Es war eine starke Strömung und glücklicherweise blieben alle Pferde und Retter gesund.
Die bedeutendsten Siege
Angelika Glodde – insgesamt 763 Siege, 3 x Champion der Flachrennreiter
1977
Großer Preis von Leipzig (auf Odin)
Leipzig
1978
Preis des Jahrestages der DDR (auf Odin)
Leipzig (int.)
1982
Hoppegartner Meile (auf Syringa)
Hoppegarten (int.)
1983
Großer Preis der DDR (auf Ziervogel)
Hoppegarten
1984
Frühjahrszuchtpreis (auf Orantes)
Hoppegarten
1986
Preis der Vollblutzucht (auf Meerhecht)
Leipzig
Preis der Zentralstelle f. Vollblut (auf Turmalin)
Dresden (int.)
1987
Großer Preis von Prag (auf Turmalin)
Prag (int.)
Freundschaftspreis (auf Turmalin)
Hoppegarten (int.)
1988
Derby der DDR (auf Sonnenblick)
Hoppegarten
Großer Preis der DDR (auf Sonnenblick)
Hoppegarten
Großer Stutenpreis (auf Trauminsel)
Hoppegarten
1989
Preis der Vollblutzucht (auf Sonnenblick)
Leipzig
1990
Oleander Rennen (auf Hermes)
Leipzig
1991
Saxonia (auf Hermes)
Leipzig