Der stille Abschied von einer Legende

Angelika Glodde war als Jockey und Trainerin über  Jahrzehnte erfolgreich. Jetzt ist sie im Ruhestand.

Angelika Glodde genießt in der deutschen Turfszene Legendenstatus. Die nackten Zahlen beeindrucken und sind die schillernde Vita einer erfolgreichen Spitzensportlerin und Trainerin. Mit 776 Siegen im Sattel ist Glodde nach wie vor der erfolgreichste weibliche Jockey in Europa. Hinzu kommen 416 Siege  als Coach.

Die heute 73-Jährige ist aber auch so etwa wie ein Anti-Star. Der öffentliche Rummel ist nie ihr Ding gewesen, weshalb sich Glodde seit Ende vergangenes Jahres eine Auszeit nimmt und sich rar macht. Da hatte sie sich in den Ruhestand verabschiedet. Ihr Nachfolger als Trainer in Halle ist Jan Korpas.„Sie will  Abstand gewinnen“, sagt Andreas Neugeboren, Vorstandsmitglied im Rennclub Halle und jahrelang Geschäftspartner und enger Freund der Trainerin.

„Sie ist schon eine außergewöhnliche Pferde-Fachfrau mit einem Blick für Rennpferde, wie ihn kaum jemand anders hat. Und in ihrer Einschätzung hat sie sich selten getäuscht“, sagt Neugeboren. Die Liebe zu den Pferden trägt sie seit ihrer Kindheit in sich. 1967 hatte die Hallenserin ihre Lehre als Jockey auf den Passendorfer Wiesen begonnen. Glodde war ein Naturtalent. 1982 gewann sie als erste Frau das Championat der DDR, die so genannte „Goldene Kappe“. 1987 und 1988 wiederholte sie den Erfolg. Im Juni 1988 siegte sie mit „Sonnenblick“ beim Derby der DDR und beim Großen Preis des Arbeiter- und Bauernstaates. Im gleichen Jahr kam sie bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres auf Platz acht  – ein Paukenschlag in einem Land, das in Sommer- wie Wintersportarten internationale Glanzlichter setzte.

„1993 wurde sie arbeitslos. Da kamen wir auf die Idee, eine Firma zu gründen“, erzählt Neugeboren.  Eineinhalb Jahre büffelte Glodde in Köln (in einem Jahrgang mit Peter Schiergen übrigens) für ihren Trainerschein. Ab 1995 stieg sie mit  dem Unternehmen „Angelika Glodde & Partner GbR“ mit Neugeboren in das Galoppgeschäft ein.  „Rennpferde sind sensibel und müssen trainiert werden wie Leichathleten“, hatte sie mal gesagt. Und man brauche Stehvermögen. „Der Job geht von Montag bis Sonntag. Wir müssen ja ständig reisen.“ Ansonsten stand sie täglich ab 6 Uhr im Stall. Zeitweise trainierte sie 45 Pferde. Der wohl beste Flitzer war seinerzeit  Hengst „Signum“, mit dem sie hochkarätige Listenrennen gewann. Das sei die schönste Zeit gewesen, meinte sie einmal.

Angelika Glodde und Andreas Neugeboren ist es zu verdanken, dass es überhaupt noch Rennsport auf den Passendorfer Wiesen gibt. Siebenmal mussten beide die Pferde vor dem Hochwasser der Saale in Sicherheit bringen. „Das war jedes Mal ein logistischer und finanzieller Kraftakt“, sagt Neugeboren. Glodde jedenfalls hatte auch in Krisenzeiten die Hoffnung nicht verloren. „Wir haben jahrelang durchgehalten, damit es hier wieder Rennen gibt“, sagte sie vor Jahren der MZ. Der Wunsch ist in Erfüllung gegangen.

Als Beraterin wird Angelika Glodde weiterhin dem Galoppsport und Züchtern zur Seite stehen. Was übrigens kaum jemand weiß: Die Trainerin ist auch ein  ausgezeichneter Hufschmied. Damit habe sie bei einer Auktion in Baden-Baden für ungläubige Blicke gesorgt, erinnert sich Neugeboren.

Dirk Skrzypczak